Geschildert werden auf Gullivers Reisen einige medizinische Probleme, die erklärungsbedürftig sind, und Symptome, die mit einiger Vorsicht diagnostisch zugeordnet werden können (Tab. 1).
Historische ErkrankungenZu den erklärungsbedürftigen somatischen Erkrankungen aus Gullivers Tagen gehört die Ague, Oberbegriff für ein rezidivierendes Fieber, bei dem es sich häufig um eine mildere Verlaufsform der Malaria, hervorgerufen durch Plasmodium vivax, handelte, die damals in den englischen Marschen endemisch und damit auch bei englischen Seeleuten häufig war [24, 41, 42].
Die Calentures (span. Calentura, Fieber) waren ein seltsames, aber keineswegs seltenes, sondern angeblich weit verbreitetes, halluzinatorisches Fieberdelir, das nur in tropischen Breiten auftrat, bei dem Seeleute glaubten Land vor sich zu sehen und über Bord sprangen [42, 59]. Noch Bernhard Nocht [64] berichtete von der besonders hohen Suizidrate der Heizer (Feuerleute) auf Schiffen am Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Untersuchung der UK National Union of Seamen über Todesfälle in der britischen Handelsmarine zwischen 1964 und 1978 führte immer noch 577 von insgesamt 3778 Todesfällen auf Halluzinationen zurück, bei denen die Seeleute vorher auffallend lange auf den Horizont starrten [51].
PsychopathologieDer rastlose Gulliver zeigt durchgehend Züge einer maritimen Poriomanie, einer Wandersucht zu Wasser. Das weite Konzept der Poriomanie umfasst psychogene, Substanz-induzierte, organische und katatone, aber auch Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen ([3]; zur terrestrischen Poriomanie siehe [35]). Daneben liefert Gulliver durch den Verweis auf Vetter Dampier Anhaltspunkte für einen möglichen Abstammungswahn [6]. Auch die mikroptischen Lilliput-Halluzinationen [17, 55] und die makroptischen Gulliver-Halluzinationen [28] sind ätiologisch vieldeutig und können auftreten im Zusammenhang mit Angst und dissoziativen Störungen [47, 79], Intoxikationen und Delir [7, 89], Migräne, Narkolepsie oder zerebralen Anfällen [7, 63], strukturellen Erkrankungen von Augen und Gehirn [7, 16]. Bei seiner letzten Reise und der Heimkehr beschreibt Gulliver ein Dolittle-Phänomen mit scheinbar verständlichen, halluzinierten Tierstimmen [22]. Die Schilderung der notorisch geistesabwesenden Laputianer und ihrer Aufpasser legt den Verdacht nahe, Gulliver berichte nicht seine Erlebnisse aus der Südsee, sondern aus einem Londoner Tollhaus (Tab. 1, Abb. 1, Abb. 2). Dabei könnte es sich um eine wahnhafte Verwechslung des Ortes handeln, eine reduplikative Paramnesie [32, 70], gepaart mit einer möglichen Verkennung der Rollen: nicht Gulliver ist der Arzt, sondern ein Kranker, der alle anderen für geistesgestört hält [81]. Dies alles wird mit grosser Intensität zusammenfabuliert [48, 49, 77]. Insgesamt lässt sich keine einzelne spezifische Erkrankung auf Anhieb dingfest machen, aber eine rätselhafte Wahnstimmung scheint Gullivers Reisen von Anbeginn zu durchziehen.
BewegungsstörungenOb es sich bei Gullivers initialer Immobilität in Lilliput um einen katatonen Zustand, ein abklingendes Delir oder einen hochgradigen Erschöpfungszustand mit Restalkohol im Blut handelte, oder um alles zusammen, muss letztlich offen bleiben [38, 45, 61] (Abb. 1). Die Symptomschilderung der Bewohner Laputas erinnert an die klinischen Bilder von Akathisie [37], Dyskinesien und okulogyren Krisen [4, 35, 60] (Abb. 2). Vor dem Zeitalter von Enzephalitis lethargica und von Neuroleptika muss bevorzugt an andere Formen und Ursachen der Dyskinesien gedacht werden wie psychogene Störungen, anhaltende Tics oder Strabismus [60, 69]. Gullivers eigener Gebrauch unbekannter Sprachen (Neologismen) und seine motorischen Manierismen können weniger als genuin extrapyramidalmotorische Störungen [12, 71], denn als dysfunktionale Adaptionsversuche an eine fremde Umgebung oder als Hospitalisierungsfolgen aufgefasst werden.
Mortalität auf SeeDie Wahrnehmungen und Berichte der Reisenden waren aller Wahrscheinlichkeit nach mitbeeinflusst von einigen Umständen, die heute teilweise überwunden und vergessen sind. Die Verlustraten an bei der Ausfahrt auf engstem Raum zusammengepferchter Seeleuten waren hoch: William Dampier brachte 1711 nur 18 von 183 und George Anson 1744 nur 145 von 1955 Männern von ihren Weltumsegelungen zurück [20, 31, 59, 85]. Schiffe sanken, Kranke starben oder wurden zurückgelassen, andere flohen oder verloren ihr Leben bei Unfällen. Zur Vulnerabilität trugen die mangelhafte Hygiene bei, Infektionen, stark gepökelte oder verfaulte Lebensmittel voller Maden, Rüsselkäfern und Rattenharn, schmutziges Trinkwasser und verdorbenes Leichtbier. Hochprozentiger Alkohol war bei längeren Ausfahrten das einzig hygienisch unbedenkliche – und dabei neurotoxische – Getränk an Bord.
Speisepläne an BordDie Seeleute hatten seit Mitte des 17. Jahrhunderts ein Anrecht auf eine Gallone Dünnbier (4,5 l) und ein Pound Kekse pro Tag (450 g); vier Pounds gepökeltes Rindfleisch, zwei Pounds Schweinefleisch, drei Achtel Fisch, ein Quart Erbsen (1,15 l), sechs Ounces Butter und zwölf Ounces Käse pro Woche (1 Ounce = ca. 28 g). Im Mittelmeer und in Übersee ersetzten Wein das Bier, Rosinen das Rindfleisch, Reis oder Stockfisch den Kabeljau und Olivenöl Butter oder Käse [21]. Der Wochenplan (regulations and instructions) der britischen Admiralität stammt aus dem Jahr 1733; zusätzlich bekam jeder Mann noch maximal ein halbes Pint Essig pro Woche. Die tägliche Kalorienmenge erreichte 5000 kcal ([58]; Tab. 2). Es gab aber auch Strecken auf denen die Matrosen über lange Zeit kaum zu essen bekamen und sich über viele Tage weigerten, das Brackwasser zu trinken [20].
Tab. 2 Speisepläne von Seeleuten der britischen Marine und Patienten in Bedlam: Dünnbier, Getreide- und Milchprodukte sowie Fleisch standen auf See und in der Anstalt im Vordergrund; frisches Gemüse und Obst fehlten [1, 21, 58]. Speisepläne im TollhausWie bei der Marine, wechselten auch in Bedlams Wochenspeiseplan aus dem Jahr 1677 Fleischtage mit fleischfreien Tagen. Auch hier war die Diät von Getreide- und Milchprodukten bestimmt und es gab Fleisch. Die Mengen waren nicht so genau festgelegt und es ist davon auszugehen, dass die Rationen weit kleiner bemessen waren, zumal führende Mediziner (z. B. Robert Burton, Thomas Willis, Richard Mead, William Battie u. a.) über lange Zeit die Position vertraten, eine schlanke Diät sei geeignet wieder Vernunft einkehren zu lassen. Früchte der Saison waren gelegentlich erlaubt, würden aber wegen der Fäulnisgefahr äusserst zurückhaltend eingesetzt [1]. Damit war der Mangel an Vitamin C und anderen Vitaminen der wesentliche gemeinsame Nenner dieser Ernährung zur See und im Asyl [30, 31].
Mortalität an LandMetzger [62] schrieb 1784 über seine Inspektion des Königsberger Irrhauses: Die Speisen welche den Elenden gereicht werden, entsprechen dem kläglichen Aufenthalt. … Hieraus erklärt es sich, warum alle unsere Wahnsinnigen einen Ansatz zum wahren Skorbut haben, auch mehrenteils an dieser Krankheit sterben. Die Luft in den Irrstuben ist so pestilenzialisch, dass nur die Blödsinnigen, welche man noch ein- und ausgehen lässet, einige Jahre im Irrenhaus aushalten. Die Eingesperrten sterben in Kurzem, bisweilen ein paar Tage nach ihrem Eintritt. Die alarmierenden Sterberaten in den Einrichtungen für psychisch Kranke wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gegenstand regelmässiger statistischer Untersuchungen und damit Massstab der Versorgungsqualität [2, 29, 80]. Wie auf den Schiffen gewann auch in den Asylen die Versorgung mit Luft und Kalorien an Interesse, wobei man sich an den Empfehlungen Justus von Liebigs orientierte [76]. Erste wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bedeutung der Vitamine folgten erst später (Abb. 3).
SkorbutLange Zeit wurden am ehesten die schlechte Luft an Bord der Schiffe und die Ferne zum Festland (earthsickness) verantwortlich gemacht für Skorbut, hohen Krankenstand und hohe Sterblichkeit der Seeleute [15]. Weit mehr als 100 Jahre vor James Linds erster kontrollierter Studie zur Behandlung von Skorbut [30, 84, 88] waren sowohl in der Volksmedizin vieler Länder und in der Medizin die Bedeutung von frischem Gemüse und Früchten eigentlich gut bekannt [15, 30]. John Woodall beschrieb bereits 1617 die Erschöpfung (lassitude) als ein führendes Symptom des Skorbuts und empfahl dem Schiffsarzt ausdrücklich den Einsatz von Zitronensaft [93]. Samuel Johnsons Wörterbuch aus dem Jahr 1798 zitiert Swifts Freund Dr. John Arbuthnot bei der Charakterisierung des Scurvy als Erkrankung in kalten Ländern oder von Bewohnern des Marschlandes [42, 72]. Der Eintrag zu Scurvy wird im Wörterbuch alphabetisch gefolgt von Scurvygrass (spoonwort), also Löffelkraut, dessen Vitamin-C-Gehalt doppelt so hoch ist wie der von Citrusfrüchten. Erst James Cook nahm aber regelmässig frisches Gemüse und Früchte an Bord und gab seiner Mannschaft ausreichende Erholungszeiten [15, 30, 65] (Abb. 3).
Scorbutic nostalgia wurde 1792 von Thomas Trotter beschrieben [51, 86]. Neben entzündeten Mündern, wunder Haut, erweiterten Pupillen, Doppelbildern, Tinnitus und überempfindlichen Nasen schilderte er die – bei grosser Erschöpfung – übersteigerte Wahrnehmung und Einbildungskraft mit extremer Schreckhaftigkeit. Das heftige Verlangen nach sauberer Nahrung, frischem Wasser, festem Boden unter den Füssen, Weite, Luft und der Heimat ging dabei über in Illusionen und Träume von grünen Wiesen und plätschernden Gewässern. Das Erwachen war schmerzhaft und der Enttäuschung folgten Stöhnen, Klagen und kindliches Weinen (Abb. 3) [59, 86].
Neuere Untersuchungen zeigen, dass Vitamin-C-Mangel heute neben Apathie, Angst, Depression, Reizbarkeit und kognitiven Defiziten auch zu extrapyramidalmotorischen Symptomen führen kann; aus Daten der letzten Jahrzehnte lasse sich aber kein eindeutiger Zusammenhang mit affektiven oder schizophreniformen Psychosen herleiten [12, 71]. Dies weicht von der historischen Quellenlage deutlich ab und das Bild der Schaarbocks war bis in 18. Jahrhundert deutlich psychopathologisch mitgeprägt [31, 88, 93].
Stress und KomorbiditätJames Cook erkannte nicht nur die Bedeutung frischer Nahrungsmittel zur Vorbeugung, sondern auch die zu hohe Arbeitsbelastung als Risikofaktor für die Entstehung des Skorbut [65]. Neben Folgen des Vitamin-C-Mangels wurden noch bis ins 20. Jahrhundert schwere B‑Hypovitaminosen auf Segelschiffen und Expeditionen beobachtet [34, 50]: Pellagra als Folge eines Niacin-Mangels und Schiffs-Beri-Beri durch Thiamin-Mangel, die von einer akuten Wernicke-Enzephalopathie – falls überlebt – in ein amnestisches Korsakoff-Syndrom übergehen konnten [39, 44, 48, 49, 52]; (Abb. 3).
Allgemeinen Erklärungsmodellen entsprechend werden Kompensations- und Anpassungsfähigkeit durch mehrere gleichzeitig einwirkende physische und psychische Belastungsfaktoren überstrapaziert [9]. Affektive und posttraumatische Belastungsstörungen werden nach Rettung aus akuter Seenot beobachtet [54], schwerwiegende kognitive Defizite durch Beri-Beri infolge entwickelten sich nach den grundsätzlichen Erkenntnissen über die Bedeutung der Vitamine [13, 39, 44] nur noch in länger anhaltenden und extremen Mangelsituationen wie Krieg und Gefangenenlager [8, 83, 91] (Abb. 3).
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